Weg

„Wir sind in der ungefähr zehntausendjährigen Geschichte das erste Zeitalter, in dem sich der Mensch völlig und restlos problematisch geworden ist: in dem er nicht mehr weiß, was er ist; zugleich aber auch weiß, dass er es nicht weiß.“

(Max F. Scheler | Die Sonderstellung des Menschen im Kosmos, 1928)

Wer bin ich überhaupt? Eine Frage, die für mich weit über biografische Daten hinausgeht und vielleicht gerade deshalb nie ganz beantwortet werden kann. Sie begleitet mich seit jeher im Hintergrund meines Denkens. Was ich mit Sicherheit sagen kann: Ich bin in erster Linie Mensch, ein Reisender, ein Suchender – mit all meinen Fragen und Zweifeln. Die bei mir festgestellte Hochbegabung ist zwar ein Teil von mir, aber sie definiert mich nicht. Sie erklärt vielleicht, warum mein Denken oft in tieferen Schichten gräbt, aber sie sagt wenig darüber, was mich im Innersten bewegt. Ja, schon als Kind war ich von einer tiefen Neugier erfüllt. Ich wollte nicht nur wissen, wie die Welt funktioniert, sondern ich wollte verstehen, warum sie so ist, wie sie ist. Antworten, die nur an der Oberfläche kratzen, genügten mir nie. Ich suchte nach dem, was darunter liegt – also nach dem Wesentlichen. Für meine Eltern war das ständige Fragen meinerseits nicht immer ganz so einfach (aber sie haben es überlebt). Und dennoch: Die Nächte unter dem Sternenhimmel waren für mich nie bloß schön, sondern sie waren für mich Einladung und Rätsel zugleich. Unendliche Weiten und das Gefühl: Hier gibt es mehr, als du ahnst. Was sich wohl jenseits unseres Blicks verbirgt? Was wir eines Tages verstehen werden? Und was vielleicht für immer im Dunkeln bleibt? Fragen über Fragen und sie bewegen mich – zugegebenermaßen – heute noch.

Bereits in früher Kindheit prägten Erfahrungen meine grundlegenden Erkenntnisinteressen: Technische und physikalische Fragen – etwa die Beobachtung großer Schiffe und ihrer Stabilität – weckten früh mein Interesse an den Prinzipien, die natürliche und soziale Phänomene erklärbar machen. Ebenso führte die Auseinandersetzung mit staatlichen Institutionen, sichtbar etwa durch polizeiliche Präsenz im öffentlichen Raum, zu einem ersten Nachdenken über das Verhältnis von individueller Handlung und gesellschaftlicher Ordnung. Auch die Interaktion zwischen Menschen und Tieren lenkte meinen Blick frühzeitig auf grundlegende anthropologische und ethische Fragen. Die Differenz zwischen menschlichem und tierlichem Handeln sowie die traditionelle Annahme einer menschlichen Überlegenheit standen dabei im Zentrum erster Überlegungen. Die spätere Beschäftigung mit Aristoteles’ Tierphilosophie und seinem Verständnis des logos bot für mich hierfür einen ersten theoretischen Rahmen, der zugleich Orientierung wie auch kritischen Anlass bot. Diese Überlegungen führten in meiner Jugend zu einer vertieften ethischen Reflexion, aus der schließlich eine konsequente tierethische Haltung hervorging. Die dabei entwickelten Prinzipien von Konsistenz, Verantwortlichkeit und Integrität prägen auch heute noch meinen wissenschaftlichen Zugang zu Fragen an der Schnittstelle von Anthropologie, Ethik und Philosophie.

Im Jahr 2011 begegnete mir – eher zufällig – ein Mensch, der mein Denken dann auf eine neue Ebene hob: Ein Mathematikprofessor, der an einer Universität in Deutschland lehrte und forschte und dessen Leidenschaft für sein Fach ebenso ansteckend wie inspirierend war. In einem kurzen, fast beiläufigen Gespräch machte er mich auf ein mathematisches Rätsel aufmerksam, das bis heute als eines der größten ungelösten Probleme der mathematischen Wissenschaft gilt – die sogenannte Riemannsche Vermutung. Was mich dabei tief berührte, war nicht nur die Komplexität des Problems selbst, sondern die Art, wie er darüber sprach: Mit leuchtenden Augen, mit Hingabe und mit einem aufrichtigen Staunen vor dem, was wir noch nicht wissen. Es war, als hätte sich in diesem Moment ein neues Tor für mich geöffnet – nicht zur Mathematik, sondern zur Wissenschaft als solcher. Kurzum: Zu den offenen Fragen, den Grenzbereichen des Verstehens und dem Mut, sich mit dem Unvollständigen zu beschäftigen. Obwohl ich selbst nie Mathematiker geworden bin (vielleicht ist das ex post gesehen auch gut so), hat mich das „Brennen“ für Wissen seither nicht mehr losgelassen. Wissenschaft ist für mich Symbol einer größeren Wahrheit: Dass die Suche nach Erkenntnis oft wichtiger ist als ihre Vollendung. Und dass wahre Begeisterung für Wissen etwas ist, das sich tief ins Herz eines jungen Menschen einprägen kann.

Die Folgen meiner Wissbegierigkeit? Lesen – immer wieder, immer tiefer. Beobachten, Infragestellen, Vergleichen. Denken, nicht nur reproduzierend, sondern prüfend und erforschend. Schon früh wurde dieses aufmerksame und forschende Sein zu meiner Haltung gegenüber der Welt. Wie bereits skizziert: Ich wollte nicht einfach hinnehmen, sondern ich wollte verstehen. Diese Suche nach Wahrheit war keine beiläufige Neigung, sondern ein innerer Drang. Und er führte an die Universität. Nicht aus Karriereambitionen oder wegen anderen Erwartungen, sondern aus einem schlichten, aber machtvollen Bedürfnis heraus: Ich wollte wissen, wie die Welt funktioniert. Warum sie ist, wie sie ist. Und was das für uns Menschen bedeutet. Die großen Fragen eben – nicht nur der Philosophie, sondern des Lebens selbst. Mir war dabei klar: Dies würde kein geradliniger oder gar bequemer Weg werden – im Gegenteil. Schon bald verstand ich, was Max Weber (1864-1920) mit dem Begriff des Hazards letzten Endes meinte – nämlich, dass der Pfad des Erkenntnissuchenden oft ein steiniger ist, voller Zweifel, Umwege und unbeantworteter Fragen. Und doch war da etwas in mir, das unbeirrbar weiterfragte. Mein Wissenstrieb war nie auf schnelle Antworten aus – und er wird auch nie ganz gestillt sein, das bin ich mir bewusst. Aber genau darin liegt für mich ein tiefer Sinn: In der beständigen Bewegung des Denkens und im Streben nach Tiefe in einer oft oberflächlichen Welt.

Und meine Studienzeit? Uni-Luft war für mich zunächst nichts Neues, immerhin war ich während meinem letzten Maturajahr bereits als außerordentlicher Studierender an der Universität inskribiert. Nebenbei legte ich zwei Berufsausbildungen ab. Endgültig als ordentlicher Student an der Universität angekommen, richtete sich mein Fokus auf das Staatsgefüge, seine Ordnungspolitik, das Recht und die Ziele und Zwecke regulatorischer Funktionen – sprich auf klassische Rechts- und Verwaltungswissenschaften. Aber das war mir nicht genug, denn immer schon wollte ich gleichsam „hinter die Kulissen“ blicken – und dabei eben den Menschen als Individuum mit seinen verschiedenen Motiven detaillierter hinterfragen. Diese Auseinandersetzung, die schon seit der griechischen Antike ein Grundpfeiler der Erkenntnis ist, lenkte mein Interesse zunehmend auf ethische und moralische Elemente. So fand ich neben den Rechts- und Verwaltungswissenschaften auch zur Philosophie. Ich erkannte, dass sich Recht, Verwaltung und Philosophie als Forschungsgebiete inter- und multidisziplinär ergänzen. Philosophisch ausgedrückt: Alles fließt, πάντα ῥεῖ.

Wohin mit meinem inneren Wissensdurst? Dieser führte mich beruflich über mehrere Umwege in den wissenschaftlich-akademischen Sektor – und in der wissenschaftlichen Forschung und Lehre fand ich meine Heimat. Die Bereiche Recht, Verwaltung und Philosophie bilden heute meine wissenschaftlichen Spezialgebiete, die, wie ich finde, nie wirklich zu Ende studiert werden können. Dass ich eines Tages Wissenschaftler werden und den Weg vom studentischen Mitarbeiter über den wissenschaftlichen Mitarbeiter und Uniassistenten bis hin zum Professor gehen würde, war alles andere als geplant – bis mich ein Professor „entdeckte“ und damit eine Laufbahn anstieß, die mein Leben völlig veränderte. Heute gilt mein wissenschaftliches Interesse im Speziellen den unterschiedlichen Konnexen zwischen der Rechtswissenschaft, der Verwaltungswissenschaft und der Philosophie. Im Hinblick auf meine präventionstheoretische Forschung setze ich mich mit der Verbindung von Recht, Management und Psychologie auseinander und untersuche, welche zentrale Stellung dabei die Moral einnehmen kann. Im Kontext meiner Promotion beschäftigte ich mich darüber hinaus intensiv mit Fragen von Recht und Ethik in Bezug auf Bilanzfälschungen. Dabei versuchte ich, positivrechtliche Aspekte mit moralischen und rechtsphilosophischen Fragestellungen, vor dem Hintergrund der Durchführung doloser Handlungen, zu verknüpfen.

Und nun? Nach mehreren wissenschaftlichen Stationen, folgte ich im Jahr 2023 dem Ruf an die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Campus Wien (HCW). Seitdem lehre und forsche ich ebendort als Lecturer & Researcher (Habilitand, PostDoc) am Department für Verwaltung, Wirtschaft, Sicherheit und Politik und am Research Center Administrative Sciences (RCAS). Darüber hinaus lehre und forsche ich seit dem Jahr 2024 am Institut für künstliche Intelligenz und digitale Transformation an der Rechtswissenschaftlichen Fakultät der Sigmund-Freud-Privatuniversität Wien und Berlin (SFU). Dort leite ich seit November 2024 außerdem das Department für Ethik der künstlichen Intelligenz.

Im Rahmen meiner Habilitation gilt mein Forschungsinteresse im Besonderen den heterogenen Phänomenen der sog. „Staatsverweigerer:innen“ im DACH-Raum. Dabei analysiere ich ihre Beziehung zu Staat, Recht und Verwaltung, insbesondere vor dem Hintergrund des hobbesschen Kontraktualismus. Für mein Forschungsvorhaben bin ich u. a. Mitglied der Forschungsgruppe „Extremismus/Terrorismus“ des Kölner Forums für Internationale Beziehungen und Sicherheitspolitik (KFIBS) und seit November 2024 Leiter ebendieser Forschungsgruppe. Zudem forschte ich zur Habilitationsthematik im Sommersemester 2024 an der Harvard University in Cambridge, Massachusetts, USA und bin ebendort Gastforscher. Im September 2024 gründete ich außerdem die von mir geleitete Forschungsstelle für Staatsverweigerung und subversiven Extremismus (FSTE) in Wien, die mit dem KFIBS und der österreichischen Direktion für Staatsschutz und Nachrichtendienst (DSN) kooperiert. Das Ziel: Die Merkmale von Staatsverweigerung aus interdisziplinärer Perspektive zu analysieren (Recht, Politik, Philosophie, Soziologie, etc.). Die Forschungsstelle umfasst mehr als 14 Expert:innen, die sowohl aus der Wissenschaft als auch aus der Praxis stammen und ist die erste Forschungsplattform dieser Art im gesamten deutschsprachigen Raum. Aufgrund meiner sicherheitsbezogenen Forschung an der Schnittstelle zwischen Theorie und Praxis und dem damit verbundenen Wissenstransfer, wurde mir im Oktober 2025 als bisher jüngster Träger die Ehrensenatorwürde des österreichischen Sicherheitstages – in Kooperation mit der Wirtschaftskammer (WKO) und des Verbands der österreichischen Sicherheitsunternehmen (VSÖ) – verliehen.

An dieser Stelle sei meinem langjährigen Mentor, dem österreichischen Historiker und Anthropologen Hubert Christian Ehalt (1949–2023) von der Universität Wien und der Österreichischen Akademie der Wissenschaften (ÖAW), herzlich gedankt – insbesondere für seine über viele Jahre währende Begleitung und Unterstützung auf meinem Weg.

Marlon Possard